Große Lücken bei psychosozialer Versorgung von Geflüchteten im ländlichen Raum

veröffentlicht 25.06.2026, Menschen wie wir

Eine neue Datenerhebung des Bundesverbandes Psychosozialer Zentren zeigt, wie groß die Lücke in der psychosozialen Versorgung geflüchteter Menschen bleibt: Die 51 Psychosozialen Zentren für Geflüchtete unterstützen zwar mit fast 33.000 Klient*innen so viele Menschen wie nie zuvor – dennoch decken sie nur 3,6 Prozent des geschätzten Bedarfs. Die Wartezeit auf Therapieplätze stieg auf im Schnitt 7,4 Monate.

Ein Themenschwerpunkt zum ländlichen Raum zeigt: Was in Städten eine Hürde ist, wird auf dem Land oft zur Mauer. Fehlende Therapieplätze, Ausgrenzung, Isolation, lange Anfahrtswege, unzureichender Nahverkehr und fehlende spezialisierte Angebote erschweren den Zugang zu Hilfe erheblich.

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Zu den wichtigsten Key Facts auf einen Blick

Die Psychosozialen Zentren (PSZ) leisten insgesamt einen immer größeren Beitrag in der psychosozialen Versorgung Geflüchteter: 2024 stieg die Anzahl der Geflüchteten, die in einem der damals 51 PSZ durch Therapie und Beratung unterstützt wurden, auf 32.763 Personen. Gemeinsam mit ihren Netzwerkpartnern konnten sie aber lediglich 3,6 Prozent des tatsächlichen Behandlungsbedarfs abdecken. Viele Betroffene bleiben damit ohne die Unterstützung, die sie dringend benötigen.

Besonders alarmierend sind die Wartezeiten. Wer einen Therapieplatz in einem PSZ benötigt, wartet durchschnittlich 7,4 Monate. In einzelnen Regionen liegen die Wartezeiten sogar bei bis zu 18 oder 20 Monaten. 

Dabei führen Barrieren in der Gesundheitsversorgung oft zur Chronifizierung von Krankheiten. Genau wie soziale Isolation, schlechte Wohnverhältnisse und ein unsicherer Aufenthaltsstatus zählt der eingeschränkte Zugang zur Gesundheitsversorgung zu den Risikofaktoren für die Entwicklung einer Traumafolgestörung – wie eine PTBS oder Depressionen. 

Komplexe Bedarfe benötigen multiprofessionelle Versorgung

Weil Psychotherapie oft allein nicht ausreicht, um die Weichen für eine Rehabilitation nach einer belastenden Fluchterfahrung zu stellen, arbeiten in den PSZ verschiedene Berufsgruppen zusammen: Therapie, soziale und rechtliche Beratung sowie Sprachmittlung greifen ineinander. Die multiprofessionelle Versorgung ist aber im Regelsystem noch längst kein Standard. So ist in Thüringen das PSZ refugio aktuell die einzige Institution, die Therapie mit Sprachmittlung für geflüchtete Menschen anbietet. Das ist eine Leistung, die auch die Regelversorgung erbringen könnte – mit der richtigen Ausbildung und dem Ausbau von Kapazitäten.

Die PSZ versuchen seit Jahrzehnten eine klaffende Lücke im Gesundheitssystem zu stopfen: Ärzt*innen und Therapeut*innen werden nicht ausreichend dafür ausgebildet, Menschen mit komplexen Bedarfen zu behandeln. Unsere Klient*innen brauchen Sprachmittlung bei der Behandlung, aber auch einen traumasensiblen Umgang. Dass die therapeutischen Kolleg*innen im Regelsystem sich denken: Therapie mit Übersetzung, das habe ich nicht gelernt und meine Warteliste ist sowieso voll, das schaffe ich nicht – ist verständlich. Aber das führt zu Ausschlüssen in unserem Gesundheitssystem, die wir uns als Gesellschaft nicht leisten können.

Hanna Thorwarth, Advocacy refugio Thüringen e.V.

Im ländlichen Raum verschärfen sich bestehende Barrieren

Der diesjährige Versorgungsbericht zeigt: Was in Städten bereits schwierig ist, wird auf dem Land oft unmöglich.

Fehlende Therapieplätze, lange Anfahrtswege, unzureichender öffentlicher Nahverkehr und mangelnde spezialisierte Angebote erschweren den Zugang zu Hilfe erheblich. Hinzu kommen Sprachbarrieren und Diskriminierung im Gesundheitssystem.

Digitale Angebote können wichtige Ergänzungen sein, persönliche Kontakte jedoch nicht ersetzen. Gerade für Menschen mit Traumafolgestörungen sind Vertrauen, Kontinuität und verlässliche Beziehungen zentrale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung.

Gesundheit ist ein Recht in unserem Sozialstaat – unabhängig davon, welche Sprache wir sprechen und ob wir in Fürstenwalde oder Berlin leben. Unser Bericht zeigt, dass wir in Deutschland bei der Umsetzung dieses Rechts in einer massiven Krise stecken, gerade auf dem Land, und gerade was Menschen angeht, die Krieg, Verfolgung und Flucht überlebt haben. Das können wir ändern – mit gleichem Zugang für Alle in der Regelversorgung und dem Ausbau spezialisierter Angebote.

Yukako Karato, Bundesverband Psychosozialer Zentren

PSZ fordern strukturelle Reformen

Der Bundesverband Psychosozialer Zentren fordert Bund, Länder und Kommunen auf, die Versorgung geflüchteter Menschen endlich bedarfsgerecht auszugestalten.

Dazu gehören insbesondere:

  1. Eine Gesundheitskarte für alle Geflüchteten ab dem ersten Tag in allen Bundesländern.
  2. Eine langfristige, verlässliche und ausreichende Finanzierung der Psychosozialen Zentren, damit Überlebende von Flucht und Gewalt flächendeckend Unterstützung erhalten.
  3. Ein gesetzlicher Anspruch auf qualifizierte Sprachmittlung im Gesundheitswesen, bei Behörden und vor Gericht.
  4. Verpflichtende Fortbildungen zu diskriminierungskritischer und traumasensibler Arbeit für Fachkräfte im Gesundheits-, Sozial-, Rechts- und Behördenwesen.
  5. Der Ausbau von Versorgungs- und Vernetzungsstrukturen im ländlichen Raum, einschließlich einer bedarfsorientierten Verteilung geflüchteter Menschen.

Über den Bundesverband Psychosozialer Zentren
Der Bundesverband Psychosozialer Zentren ist der bundesweite Zusammenschluss Psychosozialer Zentren für Geflüchtete und Überlebende von Folter, Krieg und Verfolgung. Er setzt sich bundesweit für den Zugang zu psychosozialer, psychotherapeutischer und sozialarbeiterischer Unterstützung für besonders schutzbedürftige Geflüchtete ein. Der Verband bündelt die fachliche Expertise der Zentren, vertritt ihre Interessen gegenüber Politik und Öffentlichkeit und engagiert sich für eine menschenrechtsorientierte Versorgungsstruktur.