Am 18. September steht ein weiteres Fest an: Zehn Jahre Bestehen „café deutschland“ wird in Sankt Ignatius im Westend begangen. Die evangelischen und katholischen Initiator:innen laden zusammen dazu ein.
Dezentral, an wechselnden Tagen und Standorten lautete von Anfang an das Konzept. Unter fünf Adressen, an vier Tagen – montags, mittwochs, donnerstags und samstags – werden die Türen 2026 geöffnet. Einzelne Orte, auch die Tage, haben gewechselt, das Konzept ist stabil geblieben.
Marianne Brandt, Vorsitzende des Stadtsynodalrats der katholischen Kirche in Frankfurt drückt sich zurückhaltend aus, wenn es um die Auszeichnung der Stadtkirche geht. Bei der Entscheidung war sie nicht zugegen. In Bezug auf „café deutschland“ ist sie nur eins: Ehrenamtliche in Sankt Bernhard im Nordend. Von Beginn an hat sie sich für das Projekt engagiert, als Gesprächspartnerin, Kaffeekochende, was gebraucht wird. „Mir geht es gut, ich wollte was zurückgeben, in dieser besonderen Situation.“
Deutsch reden, Erhalt von Informationen rund um Behördliches, Austausch von Alltagstipps, auch mal eine Runde spielen, lachen, Freundschaften aufbauen, Herz ausschütten – das ist die Idee, die hinter „café deutschland“ steht. Brandt hätte anfangs der Titel „Café International“ besser gefallen, aber der gewählte, eine Anspielung auf eine Bilderserie des Künstlers Jörg Immendorff, die Menschen in unterschiedlichen Situationen, zum Teil vor großem Durcheinander, an einem Tisch portraitiert, setzte sich durch. Inzwischen können alle mit dem Namen gut leben – einzelne denken an Kunst, andere verbinden damit das Land, in dem sie angekommen sind, nach einer Odyssee und Angst um Leib und Leben.
Ums Deutsch reden gehe es vor allen Dingen bei den Nachmittagstreffen, berichtet Brita Eckert, Ehrenamtliche der Evangelischen Sankt Petersgemeinde. In den Gemeinderäumen, Jahnstraße 20, gibt es montags Cafébetrieb. Zwischen 15 und 25 Leute kommen in der Regel, manche schauen kurz und gelegentlich rein, andere werden zu Stammgästen.
Migrationsbewegungen von Arbeitskräften auf Zeit und die Konflikte dieser Welt spiegeln sich in den Besucher:innen, Anfangs kamen vor allem Menschen aus Syrien und der umliegenden Region. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 tauchten zunehmend von dort Geflohene auf. Die meisten Ukrainer:innen haben inzwischen einen Job. Eckert erzählt von einer Frau, die es sich dennoch nicht nehmen lässt, montags um 17 Uhr vorbei zu schauen, bevor sie nach Hause und den zwei Kindern in Königstein fährt – Luft holen bedeutet für die Ukrainerin „café deutschland“. Zu den Arbeitskräften auf Zeit, die in der Petersgemeinde zu Gast sind, zählen Personen aus Indien, aus Südamerika. Für ein Jahr haben sie Zeit, müssen die Sprache erlernen und einen Job finden.
Brita Eckert, 78, auch bei der Telefonseelsorge und in der Obdachlosenarbeit engagiert, ist gelernte wissenschaftliche Bibliothekarin. Sie hat das Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek 26 Jahre lang geleitet – von daher ist ihr das Thema „Flucht“ auch aus anderer Perspektive vertraut. Dieser Tage steckt sie in intensiven Vorbereitungen: „café deutschland“ lädt im Rahmen der „Tage des Exils 2026“ am 24. August zu einem Abend mit Johann Hinrich Claussen, dem Kulturbeauftragten Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in die Alte Nikolaikirche auf dem Römerberg ein. Die Deutsche Nationalbibliothek organisiert zum zweiten Mal diese 50 Veranstaltungen umfassende Reihe zusammen mit der Körber-Stiftung. Der EKD-Beauftragte wird über „Die Bibel, ein Buch der Flucht“ sprechen.
Alle, ob Brita Eckert, Marianne Brandt, der evangelische Koordinator, Pfarrer Alexander Bitzel, Sankt Petersgemeinde, Lisa Verheyen, Referentin für Sozialpastoral der katholischen Stadtkirche, sehen das Angebot „café deutschland“ als eine inhaltliche Botschaft: Konkretes anbieten – als Zeichen christlicher Mitmenschlichkeit, von Offenheit und Solidarität.
Um 16 Uhr öffnet an einem heißen Sommernachmittag das „café deutschland“ in der Evangelischen Sankt Petersgemeinde. Jürgen Sievert ist schon eine Stunde früher da, lacht, „ich bin der praktische Teil“. Kühle Getränke organisieren, Kaffee kochen, Gebäck hinstellen, gehört auch dazu – der Name des Angebots soll keine trockene Hülse sein. Sievert, 72, ist in Chile, Griechenland, USA und Kanada aufgewachsen. Nach Frankfurt kam er zum Studium der Religionswissenschaften sowie der Fächer, Geschichte und Deutsch.
Grammatik lernten die Leute in den Kursen, „hier haben sie die Gelegenheit, die Aussprache zu üben“, sagt Sievert, der seit 2018 mitwirkt. Eckert, Brandt und er sind regelmäßig vor Ort. Andere kommen spontaner, unregelmäßiger, erzählt Verheyen. Es wird darauf geachtet, dass beim „café deutschland“ jeweils eine Basisbesetzung da ist, wenn weitere Ehrenamtliche hinzukommen, gerne, es erhöht die Gesprächsmöglichkeiten. Für manche ist genau das ein attraktives Ehrenamt, mit Menschen ins Gespräch kommen in lockerer Atmosphäre.
Die Termine und Standorte in Frankfurt am Main sind:
Montag, 16-18 Uhr
Evangelische Sankt Petersgemeinde
Jahnstraße 20, Nordend
Mittwoch, 15-17 Uhr
Katholische Gemeinde Sankt Ignatius
Gärtnerweg 60, Westend
Mittwoch, 17-19 Uhr
Kaffeestube Gutleut Evangelische Hoffnungsgemeinde
Gutleutstraße 131, Innenstadt/Gutleutviertel
Donnerstag, 15-17 Uhr
Evangelische Dornbuschgemeinde
Carl-Goerdelerstraße 1, Dornbusch
Samstag, 15-17 Uhr
Katholische Gemeinde Sankt Bernhard
Eiserne Hand 2-4, Nordend