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Digitalisierung

„Wir brauchen einen Algorithmen-TÜV“

istockphoto © nadlaWürde in der digitalen Welt wahren

Ob wir Musik hören, einkaufen oder Sicherheitskonzepte umsetzen – die Digitalisierung verändert unser Leben. Brauchen wir eine positive humanistische Vision, um die rasante Weiterentwicklung der Informationstechnologie in die richtige Richtung zu lenken? Dieser Frage stellten sich eine Sozio-Informatikerin, Publizisten sowie ein Theologieprofessor.

Die Kaiserslauterer Professorin für Sozio-Informatik Katharina Zweig fordert eine „demokratisch legitimierte Kontrolle“ von Algorithmen im Internet und in sozialen Medien. „Wir brauchen einen Algorithmen-TÜV“, erklärte sie am Samstag, 18. Februar 2017, bei einem Symposium der EKHN-Stiftung in der Frankfurter Goethe-Universität. Verantwortungsvoll angewendet brächten viele Algorithmen einen großen Nutzen für die Menschen.

Computer als Entscheidungshilfe

Computerprogramme, mit denen das Verhalten von Personen vorhergesagt werden solle, könnten die menschliche Urteilskraft entbehrlich machen und dazu führen, dass die Gesellschaft sich zu sehr auf sie verlasse. Im großen Hörsaal des Frankfurter Campus führte sie erstaunliche Beispiele vor, wie Algorithmen Bewerber gerechter bewerten und die Chancengleichheit deutlich verbessern. Auch Gerichtsurteile könnten mit Hilfe von Algorithmen zu gerechteren Urteile führen, etwa bei der Frage, ob eine Bewährungsstrafe besser sei als eine Haftstrafe. 

Gefahren der Algorithmen

Die Informatikerin gab aber zu bedenken: „In Algorithmen sind Menschenbilder eingefroren - aber nicht immer die richtigen“, Algorithmen entschieden aber über die Zukunft der Menschen. „Algorithmen können jemandem einen Flug verweigern, einen Kredit, ein Visum oder ein bestimmtes Bildungsangebot“. Die Wissenschaftlerin kritisierte, es gebe keine Partei, die sich ernsthaft mit dem Thema befasse. Sie forderte die Kirchen auf, bei der Diskussion über Algorithmen eine aktive Rolle zu übernehmen.

Datenschutz versus Überregulierung

GEO-Chefredakteur Christoph Kucklick beklagte eine „digitale Konterrevolution“, mit der die Europäische Union ihre Bürger entmündige. Die ab Mai 2018 gültige EU-Datenschutzgrundverordnung lege zwar Internet-Giganten wie Google, Amazon und Facebook enge Fesseln beim Umgang mit Daten an. Es sei grundsätzlich zu begrüßen, dass die Unternehmen für die Verwendung von Daten ihrer Kunden deren Genehmigung bräuchten und zur Dokumentation, zur Berichtigung, zur Auskunft und auf Wunsch zur Löschung von Daten verpflichtet seien. Allerdings gelte dies gleichermaßen auch für Privatpersonen.

 “Wer künftig die Fotos seiner Hochzeit posten will, muss dazu vorher alle Gäste schriftlich um Erlaubnis bitten und die Bilder auf Wunsch wieder löschen“, warnte der Journalist. Nicht einmal über einen Popstar dürfe man noch twittern, ohne vorher dessen Genehmigung einzuholen. „Damit wird Öffentlichkeit ins Belieben von Einzelnen gestellt“, kritisierte Kucklick. Allerdings werde dieses nach Ansicht von Fachjuristen „schlechteste Gesetz des 21. Jahrhunderts“ vermutlich „millionenfach“ gebrochen werden.

Anregungen im Internet für individuelle Glaubensvorstellungen

Der emeritierte Münchner Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf hat einen wachsenden Einfluss des Internets auf die Glaubenswirklichkeit der Menschen festgestellt. Dieser Differenzierungsprozess sei zwar schon länger zu beobachten. Das Internet habe ihn jedoch massiv beschleunigt und den Kommunikationsraum von Religion „ins Unendliche erweitert“

Um 1900 habe es weltweit rund 3000 verschiedene Kirchen und Glaubensgemeinschaften gegeben, 100 Jahre später seien es bereits 35.000. „Jeder kann sich seinen eigenen Glauben zurechtbasteln“, resümierte Graf. In der Schweiz glaubten mittlerweile 30 Prozent der konservativen katholischen Kirchgängerinnen an die im Buddhismus verankerte Wiedergeburt, sagte Graf. Dabei berief er sich auf die religionssoziologische Studie „Jeder ist ein Sonderfall“. Das Internet gebe religiösen Akteuren nie dagewesene Möglichkeiten, immer mehr über andere religiöse Akteure zu erfahren. Diese „wechselseitige Beobachtung“ erlaube und befördere die Übernahme von Inhalten und Denkmustern anderer.

Privates schützen und für eine offene Gesellschaft eintreten

Der Soziologe und Publizist Harald Welzer sprach über den Zusammenhang zwischen Privatheit und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung. Jede demokratische Gesellschaft setze Privatheit voraus, das Vorhandensein von Räumen, in die keine staatlichen Organe vor- oder eindringen können. „Droht das Private auf Grund totaler Datenerfassung zu verschwinden, verschwindet auch die Demokratie“, warnte Welzer. Er rief dazu auf, „Gegenstrategien zu entwickeln, um die fragile Gesellschaftsform der Demokratie zu verteidigen“. Welzer forderte sein Publikum auf: „Wir sind alle immer gegen etwas. Treten wir doch einmal für etwas ein, lasst uns gemeinsam für die offene Gesellschaft demonstrieren!“

Das Symposium „Allmacht der Algorithmen?“

Das Symposium der EKHN-Stiftung hatte das Thema „Allmacht der Algorithmen? Die digitale Revolution und wie wir sie gestalten“. Die EKHN-Stiftung ist die Kulturstiftung der EKHN. Sie fördert laut ihrem Auftrag den Austausch und die Beziehung zwischen christlichem Glauben, der evangelischen Kirche und den anderen kulturellen Formen des gesellschaftlichen Lebens.

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