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Integration leben

Syrischer Flüchtling arbeitet ehrenamtlich bei der Frankfurter Bahnhofsmission

Carina Dobra/epdEin Jahr freiwillig auf dem Bahnhof: Der Syrer Baraa hilft freiwillig in der Bahnhofsmission.

Der Syrer Baraa ist als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Bis vor kurzem war er freiwillig tätig bei der Frankfurter Bahnhofsmission. Für seine Zukunft hat er große Pläne.

Carina Dobra/epdEine helfende Hand auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. Der Syrer Baraa erfährt bei seiner Arbeit Respekt.

Sein Lachen übertönt die ohrenbetäubenden Bremsgeräusche der einfahrenden Intercitys in den Frankfurter Hauptbahnhof. Der 19-jährige Baraa ist groß und gertenschlank. Er kam vor drei Jahren von Syrien nach Deutschland. Alleine. Seine Freunde und Familie hat er in Damaskus zurückgelassen.

„Baraa ist ein lebensfroher und ehrgeiziger junger Mann“, schwärmt Carsten Baumann, Leiter der Bahnhofsmission, und lächelt seinen Schützling an. Vor einem halben Jahr hat Baara einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) bei der Bahnhofsmission begonnen. Baara wohnt in einer WG im Frankfurter Gallus, hat deutsche und syrische Freunde. „Er ist ein Klassiker für gelungene Integration“, sagt Baumann. Baara lächelt verlegen. Er schämt sich sichtlich für das Lob.

Erinnerungen an Flucht verdunkeln das Lächeln

Wenn es um seine Vergangenheit geht, verdüstert sich seine Miene. Er wirkt abwesend. Im Dezember 2015 macht er sich auf den Weg nach Deutschland. In der Türkei lernt er ein paar andere junge Männer kennen und zieht mit ihnen weiter. Eine Woche lang dauert die Reise. „Es war sehr schwer. Sehr anstrengend“, erzählt Baraa mit gesenktem Kopf.

Traumjob: Bauingenieur

Für seine Angehörigen ist eine Flucht nach Deutschland kein Thema. Trotz des Krieges wollen sie ihre Heimat nicht verlassen. „Meine Mutter sagt immer wieder: Komm zurück. Aber ich sage: Nein.“ Im kommenden Frühjahr beginnt sein Informatik-Studium an der Goethe-Universität. Am liebsten möchte er Bauingenieur werden. Ein Leben lang Sozialarbeiter - das käme für ihn nicht infrage. „Da kann ich ja nichts verdienen“, sagt er.

Sprachkenntnisse helfen bei der Integration

Negative Erlebnisse hinsichtlich seiner Herkunft hat Baara kaum erlebt. „Die Leute haben Respekt vor mir, weil ich gut Deutsch spreche.“ Die Sprache zu lernen, war Baraa von Anfang an wichtig. Seinen B2-Sprachkurs hat er selbst finanziert. Außerdem konnte er sein Deutsch durch die Arbeit bei der Bahnhofsmission verbessern. Nur wenn mal ein Reisender aus München seine Hilfe brauchte, verstand Baara im wahrsten Sinne des Wortes nur Bahnhof.

Problem im Alltag: Pünktlichkeit 

„Probleme gab es schon“, mischt sich Baumann noch einmal ein. Mit der Pünktlichkeit habe es der junge Syrer nicht so ganz. „Ich kriege bis heute noch Schweißausbrüche, wenn Baraa fünf Minuten vor Einfahrt des Zuges zum Gleis schlendert.“ Der quirlige Syrer lacht. „Mach mal locker“, darf sich Baumann dann jedes Mal anhören, wenn er Baraa wieder in Richtung Gleise scheucht.

Auch diesmal macht sich Baraa wieder kurz vor knapp auf den Weg zu Gleis 8. Dort wartet eine ältere Dame, die ihm dankbar ihren Koffer in die Hand drückt. Ein bisschen Trinkgeld gibt es am Ende auch. Bei den weiblichen Reisenden ist er besonders beliebt, sagt Baumann. „Ein richtiger Charmebolzen.“ Beschämt lacht Baraa das Kompliment beiseite und nestelt mit seinen langen, schmalen Fingern an dem kleinen Blumenstrauß auf dem Tisch herum.

Auch die Kollegen mögen Baraa. Er habe nie „einen auf Mitleid“ gemacht, betont Baumann. Wenn es ihm mal schlecht ging, habe er sich das nicht anmerken lassen. Die Obdachlosen und Drogenabhängigen, die sich täglich am Gleis 1 in den Räumen der Bahnhofsmission treffen, kann Baara nicht verstehen. „Das sind dumme Leute. Ich hab' auch Schlimmes erlebt. Ich konnte aber was draus machen.“ Baumann bremst seinen Zögling wieder ein wenig. „Das ist natürlich ein anderer Maßstab.“

„Von Null auf 100“: Ehrgeizige Pläne für die Zukunft

Einen anderen Maßstab legt Baraa auch an, wenn es um seine Zukunft geht. Während andere angehende Studenten ihr Leben in Freiheit noch einmal genießen und ein „Mehr Travel als Work“ in Australien oder Neuseeland machen, möchte Baraa bis zum Semesterstart im April arbeiten gehen und sich Geld für das Studium ansparen.

„Mich würde es nicht wundern, wenn er auch noch promoviert“, sagt Baumann. Baraa lacht, wie so oft. „Ich will immer weiter“. Er gestikuliert wild mit den Händen und zeichnet eine steile Kurve in die Luft. „Von Null auf 100.“ Er zeigt auf den höchsten Punkt seiner hypothetischen Kurve. „Da will ich hin.“

Aktion: Sieben Tage, 24 Stunden rund um den Bahnhof in Frankfurt

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