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Bundesfreiwilligendienst

Ein Flüchtling als «Bufdi»: Jam kann in sechs Sprachen helfen

Andrea Löbbecke (dpa)Patricia Garnadt von der Initiative «Fluchtpunkt» und der Bundesfreiwillige Jamshid Amarkhil stehen im Hof der Flüchtlingsunterkunft «Lochmühle» in Niedernhausen.

In Niedernhausen im Taunus hilft ein Bundesfreiwilliger den Flüchtlingen, der besonders gut weiß, was wichtig ist. Jamshid Amarkhil suchte selbst im Oktober 2015 Zuflucht in Deutschland.

Der afghanische Asylbewerber Jamshid Amarkhil hat einen ganz besonderen Job. Als Bundesfreiwilliger unterstützt der 25-Jährige die Sozialarbeiter und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsunterkunft «Lochmühle» in der Taunus-Gemeinde Niedernhausen. In dem ehemaligen Altenheim ist er auch selber zuhause. Jam, wie ihn alle nennen, ist nicht nur ein guter Netzwerker, der offen und freundlich auf Menschen zugeht. Er kann sich auch in sechs Sprachen verständigen.
 
«Paschtu, Dari, Urdu, Englisch, Persisch und Deutsch. Und ein bisschen Arabisch», sagt Amarkhil - auf Deutsch. Damit er darin noch besser wird, hat sein Arbeitgeber, die evangelische Ehrenamts-Initiative «Fluchtpunkt», einen Integrationskurs für ihn organisiert. Amarkhil ist noch nicht als Flüchtling anerkannt. Daher hätte er dieses Angebot eigentlich noch nicht kostenlos nutzen können. Aber sein Status als «Bundesfreiwilliger mit Bezug zur Flüchtlingsarbeit» machte es möglich, denn dann fließt Geld aus Extra-Töpfen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
 
«Ich gehe mit bei Terminen beim Rechtsanwalt, Arzt oder bei Gesprächen mit dem Sozialarbeiter, um zu übersetzen», erzählt der 25-Jährige aus seinem Bufdi-Alltag. Er steht auch bereit, wenn neue Bewohner in die Unterkunft einziehen oder organisiert Spiele-und Begegnungsnachmittage mit Flüchtlingen und Einheimischen.
 
Mathias Busweiler von der Diakonie in Kassel koordiniert die Evangelischen Freiwilligendienste. Mit Flüchtlingen im Bundesfreiwilligendienst gebe es «sehr unterschiedliche Erfahrungen», berichtet er. «Die erste Hürde ist die Sprache. Ein gewisser Level an Deutschkenntnissen ist absolut wichtig.»
 
In den Einrichtungen, etwa der Behindertenhilfe oder Altenpflege, gebe es eine große Bereitschaft, einen Flüchtling anzustellen. «Besonders gut funktioniert das, wenn noch andere, deutsche Bufdis dabei sind.»
 
Die Stelle von Amarkhil kostet im Jahr etwa 9000 Euro, sagt «Fluchtpunkt»-Koordinatorin Patricia Garnadt. Davon werden 5000 Euro vom Flüchtlingsfonds der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau übernommen, der Rest mit Spenden finanziert. Der 25-Jährige erhält rund 400 Euro Taschengeld pro Monat. Das wird mit seinen Bezügen als Asylbewerber komplett verrechnet.
 
In dem jungen Mann schlummert jede Menge Unternehmergeist, Amarkhil will sich eigentlich gerne sobald wie möglich selbstständig machen. In Afghanistan arbeitete er erst bei einer Zeitung und studierte dann Business Management, wie er erzählt. Anschließend gründete er in Kabul eine kleine Unternehmensberatung.
 
Wegen der politischen Unruhen musste er sein Büro schließen. Ein Versuch, nach Australien auszuwandern, scheiterte, weil ihm Afghanistan die nötigen Ausreisepapiere verweigert habe, erzählt Amarkhil. «Weil ich persönlich in Gefahr geriet, machte ich mich Mitte 2015 auf den Weg nach Europa.»
 
Mit dem Flugzeug reiste er zunächst in den Iran, dann ging es zu Fuß über die Berge in die Türkei. Es folgte die gefährliche Bootsfahrt nach Griechenland. «Das Boot war völlig überfüllt, wir mussten unser Gepäck über Bord werfen.» Von Griechenland aus ging es über Serbien, Mazedonien und Österreich nach Deutschland - wo der Afghane schließlich in Niedernhausen landete.
 
Dort stand er eines Tages mit seiner Bewerbungsmappe unter dem Arm in der Gemeindeverwaltung und fragte nach Arbeit. Einen Mini-Job als Gartenhelfer lehnte er ab. «Ich wollte Vollzeit arbeiten, ich wollte in Kontakt mit Deutschen kommen und ich kann mehr als Rasenmähen.» Über die guten Kontakte zwischen der Gemeinde und den Flüchtlingshelfern kam der Kontakt zum «Fluchtpunkt» zustande. Amarkhil wurde Bufdi, inzwischen ist die Hälfte der Zeit bereits um.

Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de